Im Mittelpunkt der Tagung: Sandstelen von Bernhard Wimmer zum Kirchentag 2005 in Hannover.
„Wie macht man Kunst in der Kirche?“ – so lautete die Leitfrage einer Tagung, zu der sich am 31.5.2006 etwa 50 Personen aus Kunst, Kirche und Kultur in der Neustädter Hof- und Stadtkirche Hannover versammelten. Am Beispiel des Sandstelenprojektes des Künstlers Bernhard Wimmer – ein Kunstprojekt aus Anlass des 30. Deutschen Kirchentages 2005 in Hannover – wurde diskutiert, wie Kirche in Bezug zu Kunst zukünftig ihre Position bestimmen kann.

Petra Bahr, die Kulturbeauftragte der EKD, spannte in ihrem pointierten und die komplexe Materie in der ganzen Tiefe erfassenden Eröffnungsvortrag gleich einen weiten Bogen, indem sie Kirche im öffentlichen Raum verortete. Kirche kann dem ’dramatischen Verlust des Öffentlichen’ (H. Arendt) begegnen, wenn sie sich in den öffentlichen Raum verlängert und dadurch Schwellenängste abgebaut werden können. Wie weit sich Kirche in diesen Zwischenraum begibt, der durch den Kirchenraum einerseits und säkularisierter Öffentlichkeit andererseits entsteht, ist ein immer wieder neu zu führender Diskurs. Als Kriterien für diesen Diskurs nennt sie Qualität (Gemeinden beispielsweise neugierig machen auf zeitgenössische Kunst), Kenntlichkeit (Kirche muss erkennbar sein in der Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk) und Stimmigkeit (zum Beispiel des Ortes oder der theologischen Idee).
Schlussendlich fordert sie eine Investition in gute religiöse und ästhetische Bildung im Kindesalter, bessere Netzwerke zwischen den Gemeinden und den Kunstschaffenden und formuliert eine stärkere Würdigung der Arbeit vor Ort als eines ihrer Ziele als Kulturbeauftragte der EKD.

Anschließend wurde in zwei Arbeitsgruppen diskutiert zu den Themen Grenzen –
ästhetische Freiheit und religiöse Gefühle (Leitung: Herr Dr. Arie Hartog, Kurator des Gerhard-Marcks-Hauses in Bremen) und Sprünge - Gemeinde zwischen Kunst und kirchlichem Alltag (Leitung: Herr Dirk Rademacher, Theologe und bei der Regionalen Arbeitsstelle Kirchentag 2005 verantwortlich für das Stelenprojekt).
Herr Dr. Arie Hartog hob die Bedeutung der Bildkompetenz, gerade in unserem medialen Zeitalter hervor. Diese Fähigkeit sieht er als grundlegende Kompetenz an und hat die Gruppe zu verschiedenen Bildbetrachtungen eingeladen. Durch diese Schulung des Sehens und das anschließende Gespräch kann Bildkompetenz wieder erlernt werden. Im Plenum wurde auch genau dies als Wunsch geäußert: mehr Möglichkeiten zu schaffen für einen Austausch über (zeitgenössische) Kunst in der Kirche.

Um Kommunikation ging es auch in der Arbeitsgruppe Sprünge bei der Frage, ob denn das Verhältnis von Kunst und kirchlichem Alltag als gemeinsames Suchen im Sinnerfüllungs- und Transzendenzzusammenhang zu bestimmen sei. Wie Kunst nachhaltig ihre Spuren bis in die letzten alltäglichen Zusammenhänge hinterlassen kann, berichtete schmunzelnd Achim Kunze, Pastor in Osnabrück. Der Sand der Stele war so fein, dass er noch ein Jahr nach dem Abriss des Kunstobjektes in Kirchenräumen, Wohnungen und unter Automatten zu finden ist. Auch so kann sich Kunst immer wieder in Erinnerung bringen.

Im Abschlussplenum stellte Frau Dr. Julia Helmke, Leiterin des Fachgebietes Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste, die Planung für ein neues Gemeinde-Kunst-Projekt im Jahr 2007 vor, das vom Haus kirchlicher Dienste in Kooperation mit dem Gerhard-Marcks-Haus in Bremen veranstaltet wird. Das Projekt Next Year in Jerusalem mit dem Künstler Joseph Semah soll der Suche nach religiösen Sehnsuchtsorten in 12 norddeutschen Kirchen nachgehen.

Anne Biermann

Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers - Archivstr. 3 - 30169 Hannover